Bärner Bio-Gschichte

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Alles Bio – oder warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen

Publiziert 12. August 2022 , 11:39
Bio ist nicht gleich Bio. Warum das so ist, und warum auch der Verzehr von biologischem Geflügel- und Schweinefleisch kaum vertretbar ist, erklärt Matthias Meier, Dozent für nachhaltige Lebensmittelwirtschaft an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL, im Interview.
 
Was ist denn eigentlich «Bio»? 
Matthias Meier: Seinen Ursprung hat Bio in den Anfängen des 19. Jahrhunderts als Nischen- und Reformbewegung «Zurück zur Natur». Mit den Jahren wurden für den Bio-Anbau Regeln definiert und daraus ist unser heutiges Bio-Regelwerk entstanden. Die «Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen» (IFOAM) hat die Grundprinzipien zum Biolandbau formuliert, so wie sie heute stehen: Gesundheit, Ökologie, Fairness und Sorgfalt. Das sind die wichtigsten Grundpfeiler – nicht nur für die landwirtschaftliche Produktion, sondern auch für die Verarbeitung, den Vertrieb und Konsum. Der Biolandbau ist in seinen Prinzipien visionär. Er zeigt uns modellhaft, wie wir unser Nahrungssystem nachhaltiger gestalten können. Dabei sind die Nährstoffkreisläufe wichtig: Zum Beispiel, indem die Kühe als Wiederkäuer auf Grünlandflächen Nährstoffe sammeln und der Kuhdung als Dünger auf dem Feld wiederverwertet wird. 

Das tönt in der Theorie ja alles schon mal ganz gut. Was sind denn in der heutigen biologischen Landwirtschaft die bedeutendsten Herausforderungen?
Da gibt es einige – und es gibt auch Veränderungen, die nicht immer nur sinnvoll sind. In Bezug auf die Nachhaltigkeit stimmen für mich weder die Betriebsumstellung von einer Milchkuh- auf eine reine Hühner- oder Schweinehaltung noch die Bio-Richtlinien bei Geflügel- und Schweinezuchten. Für den Anbau von Tierfutter müssen wir Ackerbau betreiben. Und deswegen kann die Ackerfläche nicht für den Anbau von Lebensmitteln eingesetzt werden. Rund 60 Prozent unserer Ackerfläche wird für die Produktion von Tierfutter verwendet. Das ist extrem viel! Ausserdem: Dass schweine- und geflügelhaltende Bio-Betriebe im grossen Stil Futter zukaufen, passt nicht in den ökologischen Kontext und dem Bestreben in der Bio-Landwirtschaft, Nährstoffkreisläufe möglichst eng zu führen. 

Ein weiterer Punkt ist die Hühnerhaltung. Sie wirft ethische Fragen auf. Auch wenn es Bio-Hühnern im Vergleich besser geht, die Bedingungen sind auch im Bio-Bereich nicht da, wo sie sein sollten. Aber es gibt auch hier Unterschiede: Die Haltung von Zweinutzungsrassen ist ethisch vertretbarer. Das sind Hühner, die sowohl Eier legen und gemästet werden können. Es werden sowohl die weiblichen als auch die männlichen Küken aufgezogen und sie nähren uns – wie das Wort schon sagt – mit zwei Dingen: Eiern und Fleisch. Glücklicherweise sind Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisiert und legen Wert auf Tierwohlaspekte. Sie bevorzugen Hühnereier aus Freilandhaltung. Bio-Eier werden also im Vergleich zu anderen Bio-Produkten häufiger gekauft.
 
Was müssten die Konsumentinnen und Konsumenten unter «Bio» und «Nachhaltigkeit» wirklich verstehen? Und welche Botschaft sollen wir von «Bern ist Bio» demnach nach Aussen tragen?

Die erste Kernbotschaft ist sicherlich, dass Bio-Produkte im Schnitt umweltschonender produziert werden als konventionelle Produkte. Der Biolandbau ist stärker auf verfügbare betriebliche und natürliche Ressourcen wie Betriebsfläche, lokales Klima, Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität aufgebaut. Darum ist der Biolandbau auf eine schonende Nutzung dieser Ressourcen angewiesen, damit sie sich regenerieren können. Eine ressourcenschonende Landwirtschaft heisst aber auch, dass beispielsweise das Leistungsniveau der Kühe sinkt und der Ackerbau tiefere Erträge liefert, weil er weniger intensiv bewirtschaftet wird. Auch muss mit grösseren Verlusten durch Schädlinge und Krankheitserreger gerechnet werden, weil in der Bio-Landwirtschaft chemisch-synthetische Pestizide verboten sind. Unter anderem deshalb ist Bio auch teuer. Aber, und das ist elementar, wir schonen dafür die Umwelt!  Wenn die Fläche so intensiv genutzt wird, wie das heute im konventionellen Landbau gang und gäbe ist, haben wir auf Dauer alles andere als eine nachhaltige Landwirtschaft.

Der Flächen-Output – das heisst der Ertrag in Bezug auf eine bestimmte Fläche –ist im Biolandbau also insgesamt geringer. Damit wir die Menschen dennoch mit ausreichend Lebensmitteln aus einer umweltschonenden Landwirtschaft versorgen können, müssen wir uns auf die zweite Kernbotschaft konzentrieren: Wir müssen unser Ernährungssystem transformieren und Food Waste reduzieren. Rund ein Drittel aller Lebensmittel landet im Abfall. Die Reduktion von Food Waste ist also wichtig. Trotzdem reicht das alleine nicht aus, um einer ressourcenverträglichen Ernährung zu Gunsten einer nachhaltigen Landwirtschaft gerecht zu werden. Es braucht eine Umstellung unserer Ernährungsweise hin zu einer vorwiegend pflanzenbasierten Ernährung mit geringen Anteilen an tierischen Produkten: Damit das gelingt, kommen wir nicht darum herum, deutlich weniger tierische Produkte und insbesondere weniger Geflügel und Schwein zu konsumieren. Nur so wird weniger Ackerbau für Tierfutter betrieben. In der Schweiz isst eine Person durchschnittlich ein Kilo Fleisch pro Woche. Tatsächlich verantwortbar wäre etwa ein Drittel davon. Auch Milchprodukte und insbesondere Käse konsumieren wir zu viel. Selbst bei einer Totalumstellung auf Bio, also wenn alle Lebensmittel nur noch in Bio-Qualität erhältlich wären, hätten wir mit Blick auf eine nachhaltige Ernährungsweise noch zu viele tierische Produkte im Angebot. 

Wir müssen nicht ganz auf Fleisch und Milch verzichten. Aber wenn schon Fleisch, dann mehr Rind als Koppelprodukt (Nebenprodukt) einer graslandbasierten Milchproduktion. Das ist die Richtung, in die wir gehen können – und müssen!
 
Sollen wir denn nur noch Bio kaufen? 
Ja, es macht Sinn, möglichst oft auf Bio insbesondere aus regionaler Landwirtschaft zu setzen. Aber eben nur mit der Einschränkung, auch den Konsum von tierischen Lebensmitteln und insbesondere von Geflügel- und Schweineprodukten zu reduzieren und dafür vermehrt auf pflanzliche Proteinquellen wie Hülsenfrüchte und Nüsse zu setzen. Zudem ist es so: Wenn du die tierischen Produkte im Einkaufskorb reduzierst, bleibt dir mehr Geld für Bioprodukte übrig – du schlägst also zwei Fliegen auf einen Klatsch!
 
Wenn wir gerade beim Kauf sind. Was garantiert mir denn eigentlich ein Bio-Label? 
Bio ist nicht gleich Bio. Je nach Bio-Label – und davon gibt es einige – gelten unterschiedliche Regelwerke. Eine gute Übersicht dazu bietet Labelinfo.  Dabei gibt es private Labels wie beispielsweise Bio Suisse und gesetzlich verordnete Gütesiegel, zu denen auch die EU-Bionorm zählt. Was aber allen Bio-Labeln gemein ist: Der Verzicht auf Gentechnik und chemisch-synthetische Spritzmittel (Pestizide) sowie Kunstdünger. 
 
Gibt es Faustregeln, welches Label wie weit geht?
Ein paar Beispiele: Bio Suisse geht im internationalen Vergleich in ihren Bestimmungen weit. Es ist eines der besten Labels auf dem Markt, insbesondere auch dank der Einschränkung des Kraftfutterimports bei Wiederkäuern auf maximal 5 Prozent. In Deutschland ist Naturland etwa gleichwertig wie Bio Suisse. Und die Wertschätzung gegenüber dem Nutztier ist bei Demeter-Produkten stark ausgeprägt. Das Schlusslicht bildet EU-Bio. Die EU-Bionormen sind lasch. Sie sind zwar gesetzlich verankert, haben aber die tiefsten Anforderungen in Bezug auf Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Import. Produkte mit einem EU-Bio-Siegel werden teilweise auf konventionellen Betrieben produziert. Damit ein Betrieb EU-Bio produzieren kann, muss also nicht der gesamte Betrieb auf Bio umgestellt werden. Das ist tatsächlich erlaubt, geht für mich aber nicht auf. Es ist, als wenn ein Körper zwei Seelen hätte.

Warum unterstützt du den Grundgedanken «Bio»? 
Bio unterstützt den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen und hilft uns somit bei der Transformation des gesamten Ernährungssystems. Aber: Wir sollten uns bei Bio nicht nur auf die Produktion beschränken, sondern entlang der Wertschöpfungskette bis zum Konsum weiterdenken.  Das ergibt den Kern des Bio-Gedankens.  Und genau den brauchen wir, um das Ernährungssystem auf den nachhaltigen Weg zu bringen. 

Wir sind abhängig von natürlichen Ressourcen. Diese sollen sich fortlaufend erholen können. Und damit das passieren kann, müssen wir auch basierend auf der Verfügbarkeit und Regenerationsfähigkeit der natürlichen Ressourcen produzieren. Nur so können wir von einem nachhaltigen System sprechen. 

Welche Werte assoziierst du mit Bio? 
Ein sorgsamer, schonender Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt. Dieser Grundsatz knüpft an die Vision der nachhaltigen Entwicklung an – damit wir uns heute und eben auch morgen noch wohlfühlen können!

Matthias Meier (50) ist Umweltnaturwissenschaftler und Dozent für nachhaltige Lebensmittelwirtschaft an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen. Er betreibt Forschung im Bereich der Nachhaltigkeitsanalyse und -bewertung. Dabei geht er in inter- und transdisziplinären Projekten der Frage nach, wie man unser Ernährungssystem zu mehr Nachhaltigkeit transformieren kann. Zuvor arbeitete er am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) im Bereich Ökobilanzierung. 
Autor/innen Sabine Preisig
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