Bärner Bio-Gschichte

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Mit Bärenhunger zur Food-Hauptstadt – oder wie ein genussvolles, innovatives und nachhaltiges Ernährungssystem entsteht

Publiziert 22. Juni 2022 , 14:30
Der Verein Bärenhunger will aus Bern eine Food-Hauptstadt machen und bringt dafür Menschen zusammen, die sich für ein genussvolles, innovatives und nachhaltiges Ernährungssystem engagieren. Ich finde: Das tönt spannend und wollte mehr zu Bärenhunger wissen. Caspar Lundsgaard-Hansen, Mitgründer und Geschäftsführer von Bärenhunger und Stadtplaner und -entwickler in Bern, ist mir Rede und Antwort gestanden.

Wie stehst du zu Bio?
Caspar Lundsgaard-Hansen: Meine Beziehung dazu entsteht in erster Linie über meine Rolle als Konsument von Lebensmitteln. Der Anteil von Bio-Produkten in meinem Warenkorb ist über die Jahre stetig gewachsen. Vor zwanzig Jahren hatte ich noch keine Ahnung davon. Ich weiss nicht einmal, ob es damals im Supermarkt schon Bio-Produkte gab. Heute kaufe ich nach Möglichkeit überwiegend Bio ein. Das hat sicherlich mit der Entwicklung des Angebots zu tun, aber vor allem auch mit meinem Interesse für das Ernährungssystem und einem höheren Einkommen als noch vor 20 Jahren. Ich stehe dementsprechend in vielerlei Hinsicht auf Bio, bin aber manchmal auch misstrauisch, inwiefern das unsere Welt tatsächlich retten wird.

Wie ist die Idee zur Gründung des Vereins Bärenhunger entstanden? Und wer steckt dahinter?
Ursprünglich ging es uns bei «Bärenhunger» gar nicht um das Ernährungssystem und Bern als Food-Hauptstadt. Wir– das sind Beni Lehmann, mein Bruder Christian und ich – wollten etwas für die künftige Entwicklung von Bern tun. Wir haben damit angefangen, Bern gemeinsam mit vielen Gesprächspartnerinnen und -partnern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hobbypsychologisch «auf die Rote Couch» zu legen und im Rahmen von ausgedehnten «Zmorge» gemeinsam das Wesen der Stadt zu ergründen. Erst später realisierten wir in einer kleinen Runde das grosse und eindeutig zu wenig genutzte Potenzial der Stadt im Bereich Ernährung. Damit war der Richtungsentscheid gefallen und wir haben im Jahr 2019 mit rund 25 Menschen – nun natürlich auch aus Landwirtschaft, Handel und Gastronomie – das Bärenhunger-Manifest verfasst!

Der Verein Bärenhunger will in der Stadt und Region Bern eine genussvolle, innovative und nachhaltige Ernährung etablieren, die Mensch, Tier und Umwelt ganzheitlich berücksichtigt. So steht es in eurer Vision. Was bedeutet denn eine genussvolle, innovative und nachhaltige Ernährung?
In unserem «Bärenhunger-Manifest» halten wir in zehn Punkten fest, was wir uns im Wesentlichen darunter vorstellen beziehungsweise was uns dafür wichtig scheint. Dazu gehören Themen wie Umwelt- und Tierschutz, Saisonalität, eine sinnvoll verstandene Regionalität, Verschwendung, Vielfalt, das Pflegen von Wurzeln und Traditionen bei gleichzeitiger Offenheit für stetige Weiterentwicklungen und Zusammenarbeit. Ein Manifest ist aber noch offen formuliert. Deshalb besteht bei Bärenhunger viel Spielraum in der Auslegung dieser zentralen Begriffe und der Vision im Allgemeinen. Auch Bio lässt sich daraus ableiten. Aber Bio muss und kann aus unserer Sicht nicht der einzige Ansatz sein für eine genussvolle, innovative und nachhaltige Ernährung. Er ist aber wichtig!

Ihr habt euch zum Ziel gesetzt, Bern zur Food-Hauptstadt der Schweiz zu machen. Ähm.. was kann ich mir darunter konkret vorstellen?
Wie erwähnt sehen wir in und um Bern sehr viel Potenzial im Bereich Ernährung. Das liegt an den vielfältigen, sehr reichen Kulturlandschaften der Region, der Geschichte von Bern als Landwirtschaftsraum, der Funktion als Polit- und damit auch als Entscheidungszentrum, den vorhandenen Kompetenzen in der Hochschullandschaft, aber auch unserer gemütlichen Berner Genussmentalität. Ich bin überzeugt, dass wir – Stadt und Region Bern – uns mit dieser Grundlage zu einer Food-Hauptstadt der Schweiz entwickeln können: eine künftig noch stärkere Rolle in der Produktion von Lebensmitteln, eine spannende und überregional ausstrahlende Gastroszene, eine vorbildliche Regulierung des Ernährungssektors, innovative Entwicklungen in der Wissenschaft und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind fast grenzenlos! Ein Finanzzentrum oder ein Industrieschwergewicht werden wir demgegenüber vermutlich nicht werden, dafür fehlt uns zu viel.

Und wie genau wollt ihr bei «Bärenhunger» an Bern zu einer Food-Hauptstadt entwickeln?
Wir wollen in den nächsten Jahren vor allem dafür sorgen, dass in Bern ein «House of Food» entsteht. Von der Produktion über den Handel bis hin zur Gastronomie und unter Einbezug von Forschung und Politik soll in einem Gebäude oder einem ganzen Gebäudekomplex ein ganzheitliches Ökosystem für ein besseres Ernährungssystem in Bern entstehen. Wir glauben, dass ein solches «House of Food» wie ein Turbo für die ganze Entwicklung wirken und sich zu einem Magnet entwickeln könnte. Dafür schaffen wir Ideen, führen Gespräche und prüfen Standorte. 2022 wollen wir diese Idee an zentraler Lage in Bern zum ersten Mal im Kleinformat vorstellen und testen. Wir hoffen und arbeiten hart daran, dass uns das gelingt - auch mit Hilfe von Menschen und Partnerinnen und Partnern aus der Bio-Sphäre. Daneben pflegen und entwickeln wir natürlich unsere Community weiter.

Der Verein Bärenhunger und «Bern ist Bio» wollen zukünftig zusammenarbeiten. Wir freuen uns sehr darauf! Was wünschst du dir denn von dieser Partnerschaft?
Wir freuen uns auch sehr darauf! Zusammenarbeit scheint uns ein Schlüssel zum Erfolg zu sein. In unserem Manifest steht nicht zufällig «Wir stärken die Zusammenarbeit und unterstützen uns gegenseitig». Und Bio ist in Bern und der ganzen Schweiz ein wichtiges und starkes Standbein für ein zunehmend genussvolles, innovatives und nachhaltiges Ernährungssystem.

Ich glaube, dass es vor allem darum gehen wird, dass wir unsere Communities näher zusammenbringen. Es sind in erster Linie die Menschen und ihre Beziehungen untereinander, die eine Stadt und Region prägen und damit auch für ein besseres Morgen sorgen. Wir werden Ideen austauschen, Ressourcen teilen und zur Verfügung stellen, uns absprechen, dass wir in eine ähnliche Richtung wirken und uns dabei möglichst gegenseitig unterstützen. Eine Food-Hauptstadt Bern wäre für den ganzen Kanton ein Gewinn – und es gibt umgekehrt keine nachhaltige Food-Hauptstadt ohne Berner Kulturland (-wirtschaft). Denn Essen wächst immer noch überwiegend auf Feldern und nicht in engen Gassen. Dort wird gehandelt und genossen, gestritten und geforscht. Uns interessiert aber das ganze System. Und darin spielt Bio eine zentrale Rolle.

Schauen wir noch ein bisschen in die Zukunft. Was denkst du, wie kommt die Stadt Bern im Jahr 2050 in Sachen Ernährung daher?
30 Jahre sind eine lange Zeit! Mit den heutigen Entwicklungen wirken 30 Jahre zudem noch viel länger – und gleichzeitig kürzer – als vor 300 Jahren. Ich weiss nicht, wie die Ernährung in Bern im Jahr 2050 aussehen wird. Sicher scheint mir, dass sie von globalen Entwicklungen abhängt – wir leben nicht auf einer abgeschiedenen Insel.

Ich kann mir vorstellen, dass die Entwicklung in verschiedene Richtungen gehen wird. Einerseits ein «Zurück» zu einer im positiven Sinne traditionellen und möglichst naturnah produzierten Ernährung. Andererseits ein «Vorrücken» in eine Welt, in der Ernährung – wie alles andere auch – zunehmend optimiert wird: Optimiert klingt merkwürdig, für einige sicherlich auch unsympathisch oder sogar bedrohlich. Ich denke dabei z.B. an Urban & Vertical Farming oder auch an eine Fortsetzung und Steigerung des Megatrends zu Fast & Convenience Food. Man kann die überbrachte Zubereitung und Zunahme von Nahrungsmitteln durchaus als ineffizient betrachten: Sie dauert lange, bindet Ressourcen, ist aufwändig und schafft wenig Wertschöpfung. Deshalb gehe ich davon aus, dass es Kräfte geben wird, die die «effiziente Ernährung» weiterhin optimieren wollen. Das Resultat in 2050 wären etwa Nährstoffe in Tablettenform oder flüssig-effizient auf dem Heimweg getrunken. That’s it: Kein Einkaufen, kein Kochen, kein Essen, kein Abwasch.

In diesem Kontext könnten wir in Bern zumindest versuchen, diese Entwicklung in möglichst nachhaltige Wege zu leiten und den Fokus weiterhin auf den Genuss auszurichten. Und wir haben gerade mit Bio sicherlich eine starke Position im Bereich dessen, was ich zuvor als ein «Zurück» bezeichnet habe: Hier können wir hochwertige, aus zukünftiger Perspektive vielleicht luxuriöse (Nischen-) Produkte aus unseren möglichst intakten Kulturlandschaften anbiete und eine Destination für nachhaltig orientierte Geniesserinnen und Geniesser werden. Ich jedenfalls bin gespannt, wie sich Bern weiterentwickelt!
Autor/innen Sabine Preisig