BÄRNER BIO-GSCHICHTE

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Ohne Verzicht aber mit viel Genuss – oder wie OHNI Thun unverpackt gegen Plastik und Food Waste vorgeht

Publiziert 31. Mai 2022 , 20:13
Ladentür auf und oha: Es sprüht vor Kreativität, Freude und Elan im OHNI – dem Unverpackt-Laden in Thun. Ich treffe auf Natalie, Inhaberin, Geschäftsführerin und unermüdliche Macherin mit Flair für’s Vielfältige, Gute und Schöne. Sie hat unzählige kreative Ideen, die bereits umgesetzt sind oder noch in der Pipeline stehen.

«Im OHNI Thun wird fündig, wer Wert legt auf ein unverpacktes, nachhaltiges, durch und durch biologisches, saisonales, veganes und oft auch regionales Angebot an Lebensmitteln, Haushaltsprodukten und Kosmetika», erklärt Natalie und ergänzt: «Produkte ohne konventionelle Pestizide, keine Lebensmittelverschwendung, kein Leid, ohne Verzicht, aber mit viel Genuss.» Weil unverpackt Einkaufen in Thun nicht möglich war, hat sich Natalie vor zwei Jahren beruflich neu orientiert und im Frühling 2020 mit der Eröffnung von «OHNI Thun» den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Die ehemalige Medienschaffende und nebenberufliche Hobby-Fotografin setzt ihre beruflichen Skills weiterhin gekonnt ein und macht mit ihren Beiträgen auf Social Media «glustig»: Nebst der vielfältigen Auswahl an Getreide bietet der mit viel Holz einladend gestaltete Laden Süsswaren, Nüsse, Gewürze, Tee, Kaffee sowie Öl und Essig in vielfältigen Glasbehältern zum selber Abfüllen. Zudem gibt es Schweizer Bio-Tofu, saisonales Gemüse und Hygiene- sowie Haushaltsartikel. Von der Zahnbürste bis zum Waschmittel ist alles mit dabei. Aus Produkten, die kurzum ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen und nicht zu einem Mittagsmenü verarbeitet werden, zaubern Natalie und ihr Team hausgemachte Köstlichkeiten: ein Brot-Aufstrich, ein Seidentofu-«Cheese»-Cake oder ein süsser Spinatkuchen, zum sofort Geniessen im Bistro oder zum Mitnehmen – wenn’s denn das feine Etwas überhaupt bis nach Hause schafft.

All in One: Einmal OHNI mit allem drum und dran
OHNI Thun hat nebst Laden und Bistro noch einiges mehr zu bieten. Catering, Workshop-Ort und Coworking-Space. Wer mehr über einen nachhaltigen und biologischen Lebensstil erfahren möchte, bucht einen Workshop. Wer regionale, biologische Lebensmittel haben möchte, löst ein Gemüse-Abo. Und gerade in Entstehung ist der unkonventionelle kollaborative Arbeitsplatz: Hier steht nicht in erster Linie Büroarbeit, sondern handfeste Arbeit in der Küche im Zentrum – inklusive professionelle Foto-Ecke, damit frisch produzierte Produkte gleich nebenan abgelichtet werden können. Und schon bald zieht auch die Leihbar Thun ein. Sie will vom Brezeleisen bis zur Bohrmaschine alle Geräte und Maschinen günstig zur Miete anzubieten und so dem exzessiven Kaufrausch vieler entgegenzuwirken.

OHNI’s oberste Credos
  • «Wir wollen etwas verändern und zum Nachdenken bewegen. Heisst zum Beispiel: Äpfel sind in der Schweiz nur ganzjährlich erhältlich, weil sie stark gekühlt gelagert werden. Das ist nicht ökologisch. Wenn wir keine Äpfel anbieten, dann ist auch nicht Apfelsaison», erklärt Natalie.
  • «Wir wollen Food Waste vermeiden.» Es gehe ihr nicht darum, möglichst viel zu verkaufen, so Natalie: «Wir animieren dazu, bewusst einzukaufen. Kaufe dann, wenn du etwas brauchst und kaufe das, was du brauchst. Geh nicht jeden Samstagmorgen einkaufen, nur weil halt Samstag ist.
  • «Wir streben eine langfristige Kundenbindung an. Wir wollen einen Dialog führen und die Leute richtig informieren», betont Natalie.» Unsere Kundschaft soll sich beim ersten Besuch ein Bild von unserem Laden machen und die notwendigen Informationen bekommen. Es muss nicht gekauft werden. Bei uns sind alle willkommen, es soll sich niemand fehl am Platz fühlen», sagt Natalie überzeugt.

Innovative Zusammenarbeit: Die Steffisburger Kidney-Bohnen
Im OHNI Thun wird die Wertschöpfungskette vom Produzieren bis zum Einkaufen beispielhaft gekürzt: «Wir investieren viel in die direkte und enge Zusammenarbeit mit regionalen Landwirtinnen und Landwirten und arbeiten an praktikablen Lösungen», so Natalie. Wenn Hülsenfrüchte angebaut werden, könne nebenan auch Hafer gepflanzt werden. Neues und Altes passe zusammen. Insbesondere die Jungen seien für ihre Ideen zu begeistern: «Sie machen gerne mit, wenn wir ihnen Sicherheit geben. Mit unserer klaren Haltung schaffen wir Vertrauen:  ‘Wir wollen Steffisburger Kidney Bohnen und wir nehmen dir ab, was du produzierst’.» Aber es müssen alle mitmachen, alle einen Teil des Risikos tragen, sonst funktioniere es nicht. «Wir bezahlen Produzentinnen und Produzenten fair und drücken den Preis nicht. Wenn wir auf langfristige Partnerschaften setzen wollen, müssen wir zu unseren Lieferantinnen und Lieferanten Sorge tragen. Nur dann geht’s für alle auf. Und das ist das, was wir wollen», betont Natalie.

Was, wenn ich darauf angewiesen bin, günstig einzukaufen? «Im Durchschnitt ist ein Einkauf im OHNI nicht teurer als anderswo», dementiert Natalie. «Trockenhefe ist bei uns beispielsweise günstiger als im Detailhandel, weil keine Verpackung bezahlt werden muss, Abfallgebühren gespart werden können und man eben nur so viel einkauft, wie man benötigt.»

Aufschwung durch Corona – und doch noch nicht ganz am Ziel
Während der Corona-Pandemie habe die Kundschaft von OHNI Thun merklich zugenommen und sei diverser geworden. «Die Menschen haben sich mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit und ihrer Ernährung auseinandergesetzt und haben Zeit für achtsames Einkaufen gehabt. Nun ist die Pandemie abgeflacht und vieles ist wieder beim Alten», meint Natalie etwas wehmütig. Es bleibe wieder weniger Zeit zum Einkaufen – oder man nehme sich diese schlichtweg nicht. «Das Thema Nachhaltigkeit ist omnipräsent, und doch noch nicht überall gleichermassen angekommen», stellt Natalie fest. «Die Leute wollen nachhaltig einkaufen. Aber auch möglichst einfach, effizient und anonym.» Und es müsse familientauglich sein, sonst funktioniere es nicht.

Ziel sei ein selbsttragender Laden. «Wir sind auf dem Weg dahin, aber noch nicht ganz so weit», fasst Natalie zusammen. «Unsere Einnahmen generieren wir vor allem mit unserem Bio-Catering. Die Eventverpflegung planen wir jeweils so saisonal, regional und plastikfrei wie möglich. Darauf sind wir stolz. Es ist Handarbeit, die nur einen kleinen ökologischen Fussabdruck hinterlässt.» Ein grosser Teil der Produkte kommt aus der Schweiz, viele davon auch aus der Region, fügt sie hinzu.

Auf zu neuen Projekten
Wir bleiben dran und haben viele innovative Ideen, resümiert Natalie. Und während wir in den nahen gelegenen Garten spazieren, erzählt sie mir von ihrer Vision: «Wir setzen auf Permakultur und wollen einen essbaren Wald, einen eigentlichen «Food Forest» kreieren. Hier ein Baum und da ein Busch zum Pflücken. Die natürlichen Kreisläufe sollen im Garten bleiben. Alles Essbare wird verwendet und Abfälle landen auf dem Kompost», erklärt Natalie begeistert und fügt hinzu: «Im letzten Jahr konnten wir sogar etwas Safran und einige Wassermelonen ernten und diesen Frühling gedeiht unser Mandelbaum prächtig.» Auch wenn’s noch nicht reicht, um den Bedarf im Laden zu decken. Die Freude ist trotzdem gross. 

Natalie setzt sich auch im Vorstand von «Unverpackt Schweiz», dem Interessenszusammenschluss der Unverpackt-Läden in der Schweiz, für ihre Werte ein. Es scheint, als ob sie das «locker, flockig» einfach so nebenbei macht. Natalies Idee, ihr Mut und ihr Wille, die Welt mit einem persönlichen Beitrag und mit Unterstützung von ihrem Team zu etwas Besserem zu machen, beeindruckt mich. Das nächste Mal komme ich mit vielen leeren Behältern. Ich bin nämlich ganz bestimmt nicht das letzte Mal im OHNI Thun gewesen.

Autor/innen Sabine Preisig
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