Bärner Bio-Gschichte

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Frühlingserwachen – oder wenn die Kühe tanzen und die Stiere sünnele

Publiziert 13. Mai 2022 , 7:05
Es blüht und zwitschert in Eriswil im Oberaargau. Auch auf dem Bio-Hof der Familie Heiniger ist der Frühling angekommen. Nebst 100 blühenden Hochstammbäumen erwarten mich 19 Mutterkühe mit ihren Kälbern, zwei Stiere, acht Mutterschafe und ihre 12 Lämmer, 3'000 Küken und drei Katzen mit vierJungtieren.

Meine Hoftour beginnt bereits mit einem Highlight: Das Füttern der Lämmer auf der Weide. Wir treffen auf zwei Mutterschafe mit je Drillingen. «Bei drei Geschwistern wird oft eines zu wenig genährt, weil die Mutter nicht über genügend Milch verfügt. Dann müssen wir mit der Flasche zufüttern», erklärt mir Jung-Biobauer Johannes.  Gesagt getan. Und die Lämmer freuts: Sie saugen gierig an der Flasche und wirken erstaunt, als diese binnen kürzester Zeit leer ist. Sie trotten uns erwartungsvoll hinterher, aber die Flaschen bleiben leer. «Das sind die ökologischsten und niedlichsten Rasenmäher, die es für steile Borde gibt», meint Johannes schmunzelnd. Obwohl die Schafe kein wichtiges Standbein des Betriebes sind, sind sie durchaus Nutztiere: «Landmaschine» und manchmal halt auch ein bisschen Haustier.

Der Frühling nimmt Fahrt auf
Keine Frage – der Frühling zeigt sich in seiner vollen Pracht und hat einiges zu bieten. Das gibt nicht zuletzt auch viel Arbeit auf dem landwirtschaftlichen Betrieb. Heiniger’s betreiben einen kleinen Ackerbau– mal Weizen, mal Dinkel, Raps, Hafer oder Roggen. Und auch das Schneiden der Bäume gibt viel zu tun. Schliesslich gibt es– verteilt auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 22 Hektaren, d.h. 22'000 Quadratmeter – mehr als 100 Hochstammbäume. Nebst Äpfeln, Birnen, Pflaumen und Zwetschgen haben auch Baumnüsse ihren Platz gefunden. Johannes erklärt: «Die Hochstammbäume wie auch ein über Jahren angelegter Haufen aus Ästen bieten unzähligen Lebewesen einen Wohnraum und fördern die Biodiversität. Und einige der Bäume zieren Nistkästen für die aus dem Süden zurückkommenden Gäste mit Flügeln. Vor ein paar Tagen haben die Käste einen Frühlingsputz erhalten.» Eine Arbeit, die der Familie keinen direkten Nutzen bringt, aber einfach dazu gehört. «Mich freuts, wenn die Vögel wieder neue Nester für ihren Nachwuchs bauen können», meint Johannes. «Sie setzen sich halt nicht gerne ins gemachte Nest», schmunzelt er. 

Endlich wieder auf der Weide: Tanzende Kühe und sich sonnende Stiere
Die Limousin-Herde mit ihren 19 ganzfarbigen braun-roten Mutterkühen und zahlreichen Kälbern geniesst den grossen Auslauf. «Das jährliche Frühlingserwachen auf und rund um den Hof ist jedes Jahr von neuem eindrücklich. Nachdem sie den Winter im Laufstall und draussen im Laufhof verbracht haben, können die Kühe es kaum erwarten, wieder mehr nach draussen zu kommen», weiss Johannes. Den ersten Auslauf geniessen sie ohne ihre Kälber: «Eine reine Vorsichtsmassnahme. Sie kennen die Weide noch nicht und können die Emotionen der Grossen kaum richtig einordnen. Die Mutterkühe springen hin und her und führen regelrechte Freudentänze auf, wenn’s das erste Mal so richtig nach Draussen geht. Das geschieht mal früher, mal später, je nach Witterung und Bodenzustand.» Dieses Jahr war’s während Ostern so weit. 

Neue Saison, neues Futter
Auf die Kühe wartet auf den Weiden viel frisches Gras. Kuhmägen hin oder her: Einer schonenden Ernährungsumstellung im Frühling muss das nötige Augenmerk geschenkt werden. «Die Angewöhnung an das nährstoffreiche Weidefutter ist wichtig, damit sich auch die Mägen an die neue Nahrung gewöhnen können. Bevor wir die Kühe auf die Weide lassen, bekommen sie während ein paar Tagen nebst frischem Gras auch Heu und Silage (Trockenfutter)», erklärt Johannes. Die Mischung aus frischem Gras mit viel Nährstoffen und dem Trockenfutter mit Rohfasern fördert der Bildung wertvoller Mikroorganismen, die wiederum die Verdauung anregen.

In der Übergangszeit kommt die Herde in der Nacht wieder in den Stall. Sobald die Temperaturen wärmer werden und sich die Kühe an das frische Weidegras gewöhnt haben, geht’s richtig raus. Dann darf endlich nach Lust und Laune Gras gefressen werden, und das oft bis weit in den Herbst hinein.

Bio seit 1995: Es geht nicht um Hippies und Weltverbessernde
Zurück auf der Laube vor dem Hof gräbt Johannes tief in den Erinnerungen: Bis vor wenigen Generationen galt die Landwirtschaft auf dem Betrieb nur als Nebenerwerb. Der heutige Bio-Hof mit Herz war einst eine Weberei. Der Keller zeugt als Übrigbleibsel der damaligen Produktion. «Vor 27 Jahren haben wir als einer der ersten Landwirtschaftsbetriebe in der näheren Umgebung auf Bio umgestellt. Nur fünf Jahre zuvor hatte Martin Heiniger mit seiner Frau Annemarie, die Eltern von Johannes und seinen fünf Geschwistern, den elterlichen Betrieb übernommen. 

Dabei blies ihnen ein rauer Wind entgegen. Nicht alle konnten die Umstellung nachvollziehen. «Aber Bio war und ist für uns noch immer eine Herzensangelegenheit». Die Umstellung sei damals mehr als je mit Hippies und Weltverbessernden assoziiert worden und habe einiges an Durchhaltevermögen erfordert, fügte Martin auf die alten Zeiten zurück. «Doch allem Unverständnis zum Trotz wissen wir heute, dass der eingeschlagene Weg der Richtige war.»

Seit der Betriebsübernahme hat sich viel getan. Martin erinnert sich: «Früher habe ich die Kuhmilch noch mit dem Pferd in die Käserei gebracht». Ein Umstand, der heute kaum mehr denkbar wäre. Und mit Nach der Umstellung auf Bio folgte vier Jahre später, im Jahr 1999, auch die Umstellung des Milchviehbetriebs auf Mutterkuhhaltung.  2003 zog dann erstmals neues Federvieh auf den Bio-Hof: Familie Heiniger diversifizierte in eine Bio-Junghennenaufzucht. Heute werden auf dem Hof im Turnus von jeweils 17 Wochen um die 3'000 Junghennen aufgezogen. Sie erreichen den Bio-Hof als Eintagesküken und kurz bevor sie beginnen, Eier zu legen, führt sie ihre Reise weiter auf die Legebetriebe. 

Beim Besuch bei den Junghennen erwarten mich tausende staunende Augenpaare. Die noch etwas scheuen Küken toben sich auf der blühenden Weide aus oder lassen es sich im Sandbad gut gehen. «Der Sand pflegt ihr Gefieder und entfernt Ungeziefer, erklärt Johannes, «und der nährstoffreichen Hühnermist dient uns als Dünger auf dem Feld.» So schliesst sich der Kreis wieder.

Und warum hält die Familie Heiniger eigentlich Limousin-Mutterkühe? «Weil sie uns besonders gut gefallen», schwärmt Johannes. Er lobt ihren starken Charakter und unterstreicht, dass diese Rasse gut zur hohen Futterqualität auf dem eigenen Betrieb passe. «So verfetten die Tiere nicht und garantieren eine hohe Fleischqualität», ergänzt Martin. 

Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen
Die zwei Limousin-Zuchtstiere haben ein ganzes Feld für sich. Sie werden separat gehalten und nach der Aufzucht in ihre zukünftigen Herde gebracht. Ihr rot-braunes Fell glänzt in der Sonne. Imposant stehen sie da und begutachten uns argwöhnisch. Es scheint ihnen hier zu gefallen – genauso wie mir. Nochmals ein letzter Blick zurück aufs Feld, dann geht’s zurück. Schliesslich wollen die jungen Büsis auch noch kurz besucht werden.
Autor/innen Sabine Preisig